Buchbesprechungen

Unregelmäßig re­zen­sie­ren wir Neu­er­schei­nun­gen im The­men­be­reich Tod/­Sterben/­Trauer/­Be­stat­tungs­kul­tur. Hier fin­den Sie Hin­weise auf diese Be­sprechun­gen bzw. eigens für die Homepage angefertige Rezensionen.

 

 

 

Julia Kaiser (2021): Bestattet unter Bäumen. Über den gegenwärtigen Wandel der deutschen Bestattungskultur, Marburg: Büchner.

Der Friedhof hat sein Bestattungsmonopol längst verloren und alternative, insbesondere ›naturnahe‹ Varianten befinden sich seit geraumer Zeit im Aufwind. Als eines der wenigen in Deutschland zulässigen Verfahren erfreut sich die Beisetzung unter Bäumen großer Beliebtheit. Während traditionelle Friedhöfe nicht selten als Orte der Überreglementierung, der sozialen Kontrolle oder der Trostlosigkeit empfunden werden, stellen sich Waldbeisetzungen als willkommene Gelegenheit heraus, im Zuge einer autonom getroffenen Entscheidung aus etablierten Konventionen ausbrechen zu können. Der Bestattungsmarkt hat auf die veränderten Bedürfnislagen reagiert und konnte sein Angebot trotz der vergleichsweise rigiden juristischen Bestimmungen ausdifferenzieren.

Julia Kaiser möchte mit dem vorliegenden Buch, das in der Schriftenreihe »Kasseler Studien zur Sepulkralkultur« erschienenen ist, ihren Leser*innen einen Überblick über den Status quo der Baumbeisetzungen verschaffen. Es handelt sich um die Dissertationsschrift der Autorin, die im Bereich der Europäischen Ethnologie/Kulturwissenschaft der Universität Marburg vorgelegt wurde.

Was bewegt Menschen dazu, sich für eine außerfriedhöfische Alternative zu entscheiden? Welche Vorstellungen und Erwartungen sind an die in Deutschland seit rund 20 Jahren bestehenden ›Bestattungswälder‹ geknüpft? Welches kulturell vermittelte Verständnis von Sterblichkeit, Tod, Trauer und Erinnerung kommt darin zum Ausdruck und wie wirkt dies wiederum auf die Gesellschaft zurück? Um solche und andere Fragen näher zu ergründen, verfolgt die Autorin einen nachvollziehbaren Ansatz: Das zu untersuchende Phänomen lässt sich nur dann hinreichend verstehen, wenn man die historische Entwicklung der Bestattungs- und Friedhofskultur betrachtet und die gesellschaftlichen Triebkräfte ermittelt. Aus diesem Grund werden jüngere und ältere Traditionsbrüche innerhalb der Bestattungskultur an soziale Transformationsprozesse rückgebunden. Die Autorin beleuchtet u.a. demografische Aspekte, den Wertewandel und die Flexibilisierung von Lebensführungsprozeduren.

Ein Abschnitt befasst sich mit der Kulturgeschichte des deutschen Waldes, in einem anderen wird der Wandel der Friedhöfe in den letzten Jahrhunderten skizziert, während sich ein weiteres Kapitel mit den Marketingstrategien und der Selbstwahrnehmung einzelner Anbieter von Baumbeisetzungen sowie mit der zunächst ablehnenden, mittlerweile aber zunehmend offenen Haltung der Kirchen auseinandersetzt. Ferner wird der Stellenwert des Phänomens in anderen europäischen Nationen in den Blick genommen und mit der Situation in Deutschland verglichen. Neben den Vorzügen von Bestattungswäldern gegenüber klassischen Friedhöfen kommen auch Probleme, Hürden und Konfliktpotenziale zur Sprache: So erschweren die häufig etwas weiter abseits liegenden Wälder und deren unebenen Wege es insbesondere älteren Menschen, die Grabstelle zu erreichen. Um die ›letzte Ruhe‹ unter den Wurzeln eines Baumes zu finden, ist es eine zwingende Voraussetzung, dass der Leichnam kremiert wird (anders als etwa in den Niederlanden, wo auch Sargbeisetzungen im Wald möglich sind). Weil dies jedoch gegen die Bestattungssitten mancher Glaubensgemeinschaften (z.B. des Islams) verstößt, sind deren Angehörige gewissermaßen ausgeschlossen. Inwieweit Betroffene diesen Umstand tatsächlich als Benachteiligung erleben, ist eine andere Frage, die im Buch leider nicht aufgegriffen wird.

Die zu sepulkralen Zwecken umgewidmeten Waldareale bieten nicht die einzige Möglichkeit zur Beisetzung unter Bäumen. Die Verfasserin beschäftigt sich auch mit dem Angebot von »Tree of Life«. Hierbei wird die Totenasche in einem Topf mit spezieller Erde vermischt, in den anschließend ein Baum gepflanzt wird. Das Verfahren wird in Ländern mit liberaleren Bestattungsgesetzen durchgeführt – und einige Monate später gelangt der Baum mitsamt Topf zu den Angehörigen nach Deutschland. Diese können ihn anschließend an einem geeigneten Platz (etwa im eigenen Garten) einpflanzen.

Daneben wird noch eine Auswahl weiterer Bestattungsalternativen gelistet, ohne dass dem/der Leser*in jedoch so recht ersichtlich wird, weshalb nun ausgerechnet diese Formen genannt werden. Während die Autorin zum Angebot von Urnenkirchen (die zusammen mit der Seebestattung und den Beisetzungswäldern das Feld der legalen Friedhofsalternativen zumindest für den deutschen Raum komplettieren) kein Wort verliert, wird stattdessen von der hierzulande lediglich als Kuriosum bekannten Weltraumbestattung berichtet. Auch sogenannte ›Discountbestattungen‹, deren Bezeichnung auf die niedrigen Kosten (bei entsprechend reduziertem Serviceumfang) zurückgeht, werden überraschenderweise zu einer eigenständigen Bestattungsart deklariert, obwohl es sich dabei letztlich um Urnengemeinschaftsgräber auf dem Friedhof handelt.

Apropos Friedhof: Am interessantesten ist das Kapitel, in dem die Wälder dem klassischen ›Totenacker‹ als traditionellem Ort der Bestattung und Trauer anhand solcher Aspekte wie Reglementierung, Freiheit, Religion, Natur und Zeitlichkeit gegenübergestellt und hieraus einige Zukunftsperspektiven für den Friedhof entwickelt werden. Dies wirft die Frage auf, inwiefern dessen schon seit Längerem durch wachsende Freiflächen gekennzeichnete Lage verändert werden könnte. Auch wenn die freien Flächen entgegen der Behauptung der Autorin weniger ein Symptom für die ›Friedhofsflucht‹ darstellen – Bestattungswälder und Alternativen bilden unter den jährlich vollzogenen Beisetzungen nach wie vor eine Nische –, sondern in erster Linie der gestiegenen Kremationszahlen und der damit verbundenen Miniaturisierung der ehedem großflächigen Grabanlagen geschuldet sind, wird in diesem Zusammenhang erkennbar, dass der Friedhof ein Imageproblem hat. Seine tatsächlichen Möglichkeiten bleiben vielen Menschen verborgen, derweil die Entscheidung für den Wald in vielen Fällen auch als Entscheidung gegen den Friedhof verstanden wird. Wie die Verfasserin zurecht bemerkt, bedeutet der verstärkte Zuspruch für Beisetzungen unter Bäumen indes keine völlige Abkehr von den traditionellen Ritualen der Bestattungskultur, denn vieles davon wird bei näherer Betrachtung lediglich adaptiert bzw. modifiziert. Außerdem sind die Beisetzungswälder wider der oberflächlichen Anmutung und der Empfindung einiger Kund*innen keineswegs regelfreie Zonen, sondern bringen ebenfalls diverse Einschränkungen mit sich. Dies betrifft etwa die (nur allzu häufig übertretene) Regel, wonach an den Bäumen kein Trauerschmuck platziert werden darf.

So wichtig solche Einsichten sind, so bedauernswert ist es, dass die Autorin die Auseinandersetzung mit aktuellen empirischen Arbeiten weitgehend scheut. Schon der am Anfang des Buches skizzierte Forschungsstand fällt – zumal für eine Dissertationsschrift – überraschend dünn aus. Zwar werden manche mehr oder minder klassischen Texte angeführt, gerade jüngere Studien zur Sepulkralkultur im Allgemeinen, aber auch zur Baumbestattung im Besonderen, sucht man aber vergebens. Auch im weiteren Verlauf klammert sich die Autorin an die immergleichen Schutzheiligen, die ohne Frage wichtige Vorarbeiten zum heutigen Wissenstand über Friedhof und Bestattung geleistet haben, jedoch eine überwiegend kulturhistorische Perspektive einnehmen. Empirische Feldforschungen werden hingegen so gut wie ignoriert. Als gäbe es keine substanziellen wissenschaftlichen Untersuchungen, stützt die Verfasserin einen nicht unerheblichen Teil ihrer Argumentation auf Zitate aus Werbeflyern, Imagevideos, Statements der Kirche und (teils von Wirtschaftsunternehmen beauftragten!) Online-Artikeln, deren kritische Einordnung indes ausbleibt. Somit überrascht es auch nicht weiter, dass es dem Buch an theoriebasierten Analysen mangelt, die den Sachverhalt nicht nur beschreiben, sondern auch erklären.

Die affirmative Grundhaltung der Autorin setzt sich in ihrem Umgang mit dem erhobenen Datenmaterial fort. Die Betrachtungen der Webseiten einzelner Firmen verbleiben im Wesentlichen auf einem deskriptiven Niveau, Interviewauszüge und unzählige Facebook-Postings werden unkommentiert gelassen. Statt aus der Durchdringung des Materials eine eigene Expertise zu entfalten – was problemlos möglich gewesen wäre – belässt es die Autorin beim (teilweise redundanten) Zusammentragen von Material, ganz so, als sprächen die Daten für sich. Für manche (journalistische) Berichterstattung mag eine solche Komplexitätsreduktion genügen, für eine wissenschaftliche Studie, die sich empirische Geltung ausdrücklich auf die Fahnen geschrieben hat, bedeutet dies jedoch viel verschenktes Potenzial. Auch Marketingslogans wie z.B. »Die Grabpflege übernimmt die Natur« werden keiner kritischen Überprüfung unterzogen. Sie ist jedoch dringend notwendig und würde u.a. die Erkenntnis zutage fördern, dass das vermeintlich Natürliche in Wahrheit eine kulturabhängige Konstruktion ist, somit also jeder Blick auf ›die Natur‹ nicht losgelöst vom kulturellen Standpunkt vorgenommen wird. Natürlichkeit als kulturelle Inszenierung wirkt auf viele Menschen überzeugend und wird deshalb von Anbieter*innen entsprechender Beisetzungsalternativen gezielt aufgegriffen und strategisch eingesetzt. Es ist jedoch fraglich, ob die Naturbelassenheit eines Bestattungswaldes so weit reichen kann, dass man ihn »anders als einen klassischen Friedhof, besuchen kann, ohne sich der Funktion dieses Ortes bewusst zu sein« (20).

Gleich auf der ersten Buchseite wird der empirische Anspruch der Arbeit formuliert. Man erfährt, dass neben Internetrecherchen und dem Besuch zweier Bestattungsfachmessen auch Interviews mit Berufspraktiker*innen, die mit dem klassischen Friedhof und mit Bestattungswäldern zu tun haben (Bestatter*innen, Förster*innen, Friedhofsverwalter*innen, Pfarrer*innen) geführt wurden. Hinzu kommen Gespräche mit Menschen, deren Angehörige im Wald beigesetzt wurden, die an einer Trauerfeier mit anschließender Beisetzung im Wald teilgenommen haben oder diese sepulkrale Lösung für sich selbst in Erwägung ziehen. Auch wurden klassische Friedhöfe besucht und an Führungen teilgenommen. Das genaue Vorgehen wird wenig später im knapp drei Seiten umfassenden Methodenabschnitt präzisiert. Was dabei aber ausgespart bleibt, ist eine detaillierte Auseinandersetzung mit diversen method(olog)ischen Fragen, die sich angesichts eines Forschungsvorhabens dieser Art mehr oder minder zwangsläufig stellen. Was wurde konkret getan auf den Messen und auf den Friedhöfen? Wie wurde bei der Akquise der Gesprächspartner*innen vorgegangen? Was hat es zu bedeuten, dass neun der elf Befragten weiblich waren (ein für die empirische Trauerforschung übrigens kein ungewöhnlicher Befund)? Welche Dynamiken entstehen, wenn man mit Menschen über Bestattungen und damit zumeist auch über erlittene Verluste spricht? Auch der Feststellung, dass die Interviews – insbesondere mit Menschen, deren Verlusterlebnis erst kurze Zeit zurückliegt – »von einer besonderen Emotionalität« (22) geprägt gewesen sind, hätte eine weiterführende Reflexion sicher nicht geschadet.

Alles in Allem liegt eine durchaus informative Zusammenstellung vor, die sich jedoch weder auf der Höhe des aktuellen Forschungsstandes befindet, noch einen durchgängig erkennbaren wissenschaftlichen Mehrwert aufweist. Wer auf der Suche ist nach einem kompakten Überblick über das Phänomen der Baumbeisetzungen, die Arbeitsweisen und Marketingstrategien von Unternehmen in diesem Bereich, die rechtlichen Rahmenbedingungen, die Einstellungen von Kund*innen und die Position weiterer Akteur*innen im Feld der Bestattungskultur – und dabei keine hohen theoretischen und methodischen Erwartungen hegt –, ist mit der Lektüre aber gut bedient.

Auch erschienen in: Jahrbuch für Tod und Gesellschaft

 

Laura Räuber (2019): Todesbegegnungen im Film. Zuschauerrezeption zwischen Zeichen und Körper, Bielefeld.

Unter allen Künsten werde im Film der Tod am plastischsten greifbar, so die These dieser ursprünglich an der FU Berlin als Dissertation eingereichten Schrift. Gewiss: (Film-)Bilder speichern und bewahren Sachverhalte, wie spätestens seit Roland Barthes bekannt ist; sie dienen damit nicht nur dem visuellen (Weiter-)Leben des bzw. der Gezeigten, sondern mithin auch dem immer wiederkehrenden Tötungsakt, dem repetierten Sterbeschicksal usw., das nämlich optisch in einer potenziellen Dauerschleife ansichtig wird. Die ewige Wiederkehr des Endes ist aber lediglich theoretisch denkbar, denn in Wahrheit werden solche Szenen, wie alle anderen, von kaum jemandem häufiger als ein paar Mal betrachtet.

Zu Beginn der vorliegenden Darstellung wird ein Parforce-Ritt durch alle möglichen, indes nur knapp gestreiften Theorieansätze geboten – vermutlich nicht unbedingt, weil sich darin Substanzielles für die Argumentation verbirgt, sondern eher, so wirkt es zumindest, um fleißig einer Pflichtübung nachzukommen. Sodann geht es um symbolische Repräsentationsfiguren des Lebensendes in der Kunst, die in vielen Erscheinungsbildern vorgestellt und auf korrespondierende Bildmotive der Foto- und Videografie hin ausgeleuchtet werden. Verwendung findet, wiederum bruchstückhaft, aber immerhin konsistent stets auf’s Neue aufflackernd, ein favorisiertes Verfahren in der Filmwissenschaft: der Rekurs auf psychoanalytische Deutungsmuster. Vor allem werden ausführlich andere Autor*innen zu Wort gebeten und die Verfasserin formuliert gewissermaßen die Übergänge zwischen den Zitaten. Das wirkt leider wie eine recht bemühte Nebeneinanderstellung, nicht wie eine Argumentation aus einem Guss. Anders gesagt: Die Aufgabe, den Forschungsstand darzustellen, wird hier zum Kernelement der gesamten Untersuchung. Erst allmählich zeigt sich die Eigenleistung der Autorin: Sie schält sich dadurch heraus, dass sie (auf Basis eines immensen Lese- und Rechercheaufwandes) die Fremdreferenzen sortiert und kommentiert.

Inhaltlich geht es um die Differenz zwischen analoger und digitaler Fotografie, um Post-Mortem-Fotografie, aber auch um Freeze Frames und um die Todesbilder bei Ingmar Bergman – dies alles zunächst in einem einzigen, großen Kapitel. Darauf folgt im nächsten (und zugleich letzten) Hauptabschnitt eine Fokussierung des bedrängten Körpers, welche eine Auseinandersetzung u.a. mit »sadistische[r] und masochistische[r] […] Filmrezeption« verspricht (134) und z.B. auch die Performance-Kunst, Tötungsgewalt sowie Jesu Kreuzigung tangiert. Letzteres ist ein filmisch häufig umgesetztes Sujet, dessen Bandbreite indes kaum thematisiert wird. Auch andere berühmte kulturhistorische Stationen werden nur am Rande angesprochen, mithin durchaus ohne filmische Referenzen. Die Filmbeispiele sind bei all dem nicht systematisch eingeflochten, sondern vergleichsweise abrupt in den Textfluss eingebunden.

Vielleicht ermöglicht der Film, meint Räuber, dann, wenn er dem Exitus gewidmet ist, eine Art »Todesbewältigung« (55). Allerdings handele es sich beim Tod zugleich um ein »subjektives Ereignis«, auf das sich filmisch keine Antwort geben lasse (112). Die Rezeption sei zwar »intensiv körperlich erfahrbar« (24), denn Film schaffe die Illusion einer genuinen Realität (178), dennoch gebe es auf dieser Schiene keine »Einblicke« in den Tod (225) – dieser werde jedoch trotzdem »greifbar« (ebd.). Ist der Tod im Film gewissermaßen die Leiche von Schrödingers Katze, welcher mehrere widersprechende Deutungen zukommen, solange man nicht genau genug nachschaut? Offenbar ja, überdies heißt es nämlich, dass ab den 1930er Jahren (ausgerechnet dann) der Tod kein Schreckgespenst mehr gewesen sei (30), während wenig später zu lesen steht, dass die Angst vor dem Tod sich »zu allen Zeiten […] unerschütterlich gehalten« habe (44). Stringente Argumentation sieht anders aus.

Insgesamt geht es in Todesbegegnungen im Film gar nicht so sehr um den Tod, als vielmehr um die Symbolismen und die visuellen Umsetzungen von Sterben, Töten, Folter, Gewalt usw. im Medium des Films; das eigentliche Thema sind, wie sich recht bald herauskristallisiert, also Zumutungen wider den zweidimensionalen Körper.

Im Fazit wird resümiert, dass viele Filmtode eine »unlustvolle Kinoerfahrung« bereithalten. Einmal davon abgesehen, dass Kino heutzutage schwerlich der dominante Rezeptionsmodus sein dürfte, will es nicht so sehr recht einleuchten, warum »wir« (die Autorin scheut sich nicht vor der Verunserung) etwas anschauen, was kategorial »unlustvoll« sein soll. Man muss nicht gleich zu antiquierten Konzepten wie der Katharsis-Hypothese greifen, um zum Kern des Problems vorzudringen. Das dialektische Verhältnis von Reiz und Schrecken ist eine jahrhundertealte Analysekategorie in der Literatur, der Theaterhistorie (siehe Freud) und natürlich auch in der Filmwissenschaft. Dass es Rezipient*innen gibt, die in »empathische Bedrängnis« (225) geraten, wenn es aus dem Bildschirm oder der Leinwand zu heikel (zu brutal, zu emotional) zugeht, ist sicherlich richtig. Andere wiederum suchen just diese Intensität – aus psychologischen, sozialen, ästhetischen oder sonstigen Gründen. ›Angstlust‹, um eine Kategorie von Michael Balint zu bemühen, ist gewiss nicht Unlust, sondern eher so etwas wie ›Trotzdem-Lust‹. Wäre es nicht so, hätte es für die vorliegende Studie wohl nur wenig Material gegeben.

Das umfangreiche Buch liefert immerhin farbige Screenshots, regt zum Nachschlagen einiger interessanter Quellentexte an und gibt hier und da Impulse zum Weiterdenken. Verschollene Perlen der Filmgeschichte, die das Lebensende thematisieren (ihre Zahl ist Legion), sucht man allerdings weitgehend vergebens. Überdies wird nach unpaginierten Online-Fassungen bekannter Texte oder nach Billignachdrucken zitiert; es gibt Satzfragmente, die doppelt hintereinander auftauchen, diverse falsche bzw. fehlende Kursivierungen, Interpunktionsfehler und Abstandprobleme, und ursprünglich deutschsprachige Texte werden nach englischer Übersetzung zitiert, aber in einer deutschen Rückübersetzung der Autorin! Mag sein, dass manche Rezipient*innen die rhapsodische Form und diese kleinen formalen Freiheiten nicht stören. Wer aber eine bündige Ordnung der epistemischen Dinge (der Interessenslagen, der Erkenntniswege, der Erträge der Forschung) wertschätzt, wird korrespondierende Defizite schwer übersehen können. Um es mit einem Filmtitel zu sagen: Hier passiert too much, too soon.

Auch erschienen in: Jahrbuch für Tod und Gesellschaft

 

Ulrike Neurath (2019): Tier und Tod. Mensch und Tier am Beispiel von Tierbestattungen, Frankfurt am Main.

Die Heimtierhaltung floriert seit geraumer Zeit, und für immer mehr Menschen in der westlichen Gegenwartsgesellschaft nehmen Tiere die Position wichtiger und gleichsam unersetzbarer Sozialpartner ein, die ihr Alltagsleben maßgeblich (mit-)bestimmen. Vor diesem Hintergrund lässt sich leicht nachvollziehen, dass der Tod des mit emotional besetzten Rollen und Attributen versehenen animalischen Gefährten bei ihren Halter*innen nicht selten zu tiefgreifenden Krisen führt, deren Ausmaß dem Verlust eines Menschen in nichts nachsteht. Zur Bewältigung der ›Heimtiertrauer‹ gehört es oftmals, die teils über mehr als ein Jahrzehnt aufgebaute Beziehung nicht einfach mit dem Dahinscheiden des Tieres abbrechen zu lassen, sondern sie symbolisch fortzuführen. Dies kann sich u.a. darin äußern, dass der tote Tierkörper nicht lediglich als bedeutungslose Materie verstanden wird, die es schlichtweg zu ›entsorgen‹ gilt. Im Unterschied zu den konventionellen, aber inzwischen nicht mehr selbstverständlichen Wegen der Tierkörperbeseitigung, die den Verlustschmerz mithin noch erhöhen können, zeichnet sich ein zunehmendes Bedürfnis ab, die empfundene Beziehungsqualität durch ein als würdevoll verstandenes Begräbnis zum Ausdruck zu bringen.

Tierbestattungen haben Konjunktur und keine Friedhofsform hat sich in den vergangenen 30 Jahren zahlenmäßig so stark verbreitet wie der Tierfriedhof. Trotz des starken Relevanzgewinns dieses besonderen Sepulkralphänomens darf nicht übersehen werden, dass insgesamt nur einem verschwindend geringen Bruchteil aller Tierspezies die ›Ehre‹ einer letzten Ruhestätte zuteilwird (es werden ausschließlich Heimtiere bestattet) und dass es sich keineswegs um eine Erfindung der Moderne handelt, sondern um eine kulturelle Praxis, die auf eine lange Geschichte zurückblickt.

Diese Geschichte bildet den Ausgangspunkt der (zunächst als Dissertationsschrift an der Universität Hamburg eingereichten) Studie von Ulrike Neurath. Bevor sie näher auf die Thematik der Tierbestattung zu sprechen kommt, skizziert die Historikerin den Wandel der Mensch-Tier-Beziehung und sensibilisiert dabei für eine differenzierte Perspektive, indem unterschiedliche Umgangsweisen der Menschen mit Tieren thematisiert werden. So fungier(t)en Tiere u.a. als Jagdbeute, Rohstofflieferant, Arbeitskraft oder als Element der Freizeitunterhaltung. Der historische Abriss macht nebenbei deutlich, dass das Mensch-Tier-Verhältnis seit jeher von tödlicher Gewalt geprägt ist. Zwar wurden Tiere schon vor Tausenden von Jahren bestattet, doch geschah dies anfangs noch unter gänzlich anderen kulturellen Vorzeichen: Man tötete sie, um sie anschließend hochrangigen Verstorbenen als Opfergaben mit in das Grab zu legen. Den soziohistorischen Entwicklungsprozess, der sich seither vollzogen und sein vorläufiges Ende in kontemporären Umgangsformen mit Heimtieren und deren Ableben gefunden hat, zeichnet die Verfasserin anhand einer Unterscheidung in mehrere Phasen nach.

Dass ihr jedoch nicht ausschließlich an einer historischen Betrachtung gelegen ist, wird nach gut einem Drittel des Buches evident – von da an richtet sich der Fokus nämlich ganz und gar auf die gegenwärtige Situation. Hier kann die Autorin auf eigenes empirisches Material zurückgreifen, das sie mithilfe überwiegend qualitativer (und punktuell quantitativer) Methoden erhoben hat. Neben statistischen Kennzahlen und einer Handvoll (schon über 15 Jahre alten) Leitfadeninterviews mit trauernden Tierhalter*innen bilden über 600 dokumentierte Tiergrabstätten das Herzstück ihres Datenkorpus‘. Die Gräber, die Neurath auf insgesamt fünf Tierfriedhöfen in unterschiedlichen deutschen Regionen fotografiert hat und von denen eine beachtliche Anzahl im Buch abgedruckt sind, werden im Hinblick auf verschiedene Parameter untersucht (z.B. materielle Eigenschaften, niedergelegte Accessoires, ikonografische Elemente und textuelle Inhalte). Die Systematik und Detailliertheit der Datenaufbereitung und -auswertung darf als besonderer Mehrwert der Studie verbucht werden. Der Verfasserin gelingt es, ihre Gedankengänge am Material zu begründen und den/die Leser*in Schritt für Schritt in das Untersuchungsfeld zu entführen. Statt einzelne (Bild-)Beispiele tiefer zu analysieren, liegt das Augenmerk eher auf fallübergreifenden Zusammenhängen und der quantitativen Verteilung bestimmter Beobachtungen, wodurch die (fraglos aufschlussreiche) Darstellung einen vergleichsweise deskriptiven Charakter erhält.

Wer über Tierfriedhöfe spricht – das zeigt auch die vorliegende Arbeit –, der kann über Menschenfriedhöfe nicht schweigen. Dass die begriffliche Unterscheidung zwischen Tier- und Menschenfriedhof grundsätzlich einer sprachlichen Komplexitätsreduktion geschuldet ist, sei hier nur am Rande bemerkt: Geht man davon aus, dass der Tod, wie bekanntlich Nobert Elias festhielt, ein Problem der Lebenden ist und Friedhöfe darum weniger den Toten als den Lebenden dienen, dann sind auch Tierfriedhöfe insofern als ›Menschenfriedhöfe‹ zu begreifen, als sich ihre Existenz nicht dem tierlichen, sondern dem menschlichen Interesse verdankt. Während aufseiten der Menschenfriedhöfe prinzipiell die Möglichkeit besteht, dass Verstorbene zu Lebzeiten über die Ausgestaltung ihrer Ruhestätte entschieden und daran eventuell sogar eigenhändig mitgewirkt haben, sind derartige Absichten beim animalischen Funeralpendant nicht von den ›endlichkeitsblinden‹ Tieren, sondern ausnahmslos von ihren Halter*innen zu erwarten.

Als bald mehr, bald weniger latente Vergleichsfolie begleiten also Menschenfriedhöfe die Erkundungen der Autorin. Eine wesentliche Erkenntnis, die sich allerdings schon in anderen empirischen Untersuchungen zu dieser Thematik finden lässt, besteht darin, dass auf Tierfriedhöfen keine neue Symbolsprache kreiert werde, sondern bereits vertraute Kommunikationsmuster und Darstellungstypen des Humanfriedhofs – sei es in textlicher, ikonografischer oder formal-gestalterischer Hinsicht – mehr oder minder adaptiert werden. Gemäß der Verfasserin seien »die grundlegenden Gemeinsamkeiten zwischen Humangräbern und Tiergräbern weniger pragmatisch als vielmehr kulturell motiviert« (118). Die damit korrespondierende Schlussfolgerung, wonach »es dem Menschen ein Anliegen« sei, »einem nahestehenden, verstorbenen Individuum eine würdevolle letzte Heimstatt zu geben und sich als Hinterbliebener zugleich eine fest verortete Anlaufstelle zur Kompensation des aus dem Verlust erwachsenen Leids zu schaffen« (ebd.), mutet jedoch recht apodiktisch an. Zweifel daran lassen nicht zuletzt Besichtigungen mancher Areale auf Menschenfriedhöfen und die Anblicke einiger buchstäblich verlassener bzw. funktional eingerichteter Ruhestätten aufkommen. Jüngere empirische Studien weisen zudem Delokalisierungstendenzen nach und zeigen, dass Gräber heutzutage plurale Bedeutungszuschreibungen erfahren. Viele Angehörige sehen in der Grabstätte keineswegs eine zentrale Anlaufstelle, sondern sie bevorzugen andere Orte bzw. sie trauern losgelöst von einer konkreten räumlichen Umgebung. Dass zwischen der gelebten Trauer und der Einrichtung eines Begräbnisortes ohnehin kein monokausaler Zusammenhang besteht, braucht nicht weiter betont zu werden und lässt sich auch der vorliegenden Arbeit entnehmen.

Bei allen Gemeinsamkeiten identifiziert die Autorin auch einige Unterschiede zwischen Menschen- und Tierfriedhöfen. So erfolge die oben erwähnte Adaption entsprechender Ausdruckselemente auf dem Tierfriedhof häufig in überspitzter und emotional übersteigerter Form. Dies habe u.a. mit großzügigeren Gestaltungsfreiräumen zu tun und schlage sich auch in einem auffälligeren Gesamterscheinungsbild sowie einem höheren ›Improvisationspotenzial‹ der animalischen Ruhestätten nieder, von denen einige »dem allgemeinen Verständnis und Bild von Grabzeichen in Bezug auf Materialität und optischer Wirkung entgegenstehen« (95). Die Ansicht der Autorin, dass »[a]uf Humanfriedhöfen […] improvisierte Grabzeichen undenkbar« (303) wären, wird der empirischen Wirklichkeit indes nur unzureichend gerecht. Hier hätte der eine oder andere Blick in aktuelle Forschungsergebnisse zum Status quo der Friedhofskultur und modernen Begräbnisorten zu der Einsicht führen können, dass auch auf Menschenfriedhöfen nicht nur ein gesteigertes Aneignungsinteresse von Angehörigen besteht, sondern dass ebenso von institutioneller Seite mittlerweile vermehrt Zugeständnisse in diese Richtung gemacht werden.

Die Semantik der Tiergräber falle der Autorin zufolge nicht allein aufgrund der weniger strengen Vorschriften expressiver und offenherziger aus, sondern vor allem, weil man sich an diesen »Schutz bietende[n] ›Krisen-Orte[n]‹« (338) gewissermaßen ›unter seinesgleichen‹ wähne und die empfundene soziale Kontrolle dadurch geringer sei. Der wesentlich offensivere und in stärkerer Konzentration artikulierte Trauerschmerz sei allenfalls mit Kindergräbern vergleichbar. Bei der Gegenüberstellung von Tier- und Kindergräbern fallen noch einige weitere Parallelen ins Auge, die nicht lediglich als Zufall abzutun seien, sondern plausible Begründungen zulassen. So originell dieser Befund auf den ersten Blick erscheinen mag, sei jedoch auch an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass entsprechende Erkenntnisse bereits in früheren, der Verfasserin augenscheinlich nicht bekannten Arbeiten publiziert wurden.

An ihren Gräbern werden Tiere auf vielfache Weise betrauert, erinnert und bisweilen sogar ›persönlich‹ adressiert. Sie bekommen nicht nur spezifische Lebensleistungen, sondern auch menschliche Eigenschaften zugeschrieben. Allein die gewählten Formulierungen der Inschriften legen nahe, »dass der tote Tierkörper nicht als Kadaver, sondern als Leichnam wahrgenommen wird« (337) und die schon zu Lebzeiten betriebene Anthropomorphisierung ihre postmortale Fortsetzung bzw. Steigerung erfährt. Bemerkenswert ist überdies der verstärkte Rückgriff auf jenseitsorientierte Bezüge (und mitunter christlich geprägte Symbolformen, obwohl diese in den meisten Tierfriedhofssatzungen explizit untersagt sind). Die Darstellung von Kreuzen, Engeln und betenden Händen, aber auch das spirituell angehauchte Sinnbild der Regenbogenbrücke weisen darauf hin, dass die für die Moderne vielfach diagnostizierte Säkularisierung keineswegs mit der Eliminierung jeglicher Transzendentalkonzepte gleichzusetzen ist. Die Frage, inwiefern darin zum Ausdruck kommt, »welch ideellen Einfluss Kirche und Religion auf unser Handeln noch immer haben« (301) bzw. inwieweit schlichtweg sozialisatorisch tradierte, nicht weiter reflektierte und teils profanisierte Trauerkonventionen wirksam werden, wäre einer näheren Auseinandersetzung wert.

In Wort und Bild gewährt Neuraths Buch umfassende Einblicke in ein bislang kulturell eher randständiges Phänomen, das einerseits über weitzurückreichende historische Wurzeln verfügt und das andererseits immer wichtiger für die künftige Bestattungskultur wird. »Daraus ist als These ableitbar, dass sich in der Wende auf das 21. Jahrhundert das Mensch-Tier-Verhältnis verändert hat und Tierbestattungen Rückschlüsse auf die Qualität dieses Verhältnisses erlauben.« (335) Für Brancheninsider*innen verspricht der Band genauso gewinnbringend zu sein wie für Leser*innen, die noch keinen Tierfriedhof betreten haben und angesichts der gebotenen Impressionen erstaunt, an mancher Stelle vielleicht sogar ein wenig ergriffen sein dürften. Gewiss bilden Tierfriedhöfe bloß einen von mehreren Schauplätzen des Heimtiertodes. Andere Kontexte wie etwa die Zunahme von Tierkrematorien, die Aufbewahrung von Tierasche im Privatbereich oder Trauerbekundungen im Internet werden in der vorliegenden Untersuchung lediglich gestreift. Dass ihr Schwerpunkt auf Tierfriedhöfen liegt, lässt sich zumindest dem Buchtitel nicht entnehmen, sondern wird erst im Zuge der Lektüre ersichtlich.

Mit der Bestattung von Heimtieren im Allgemeinen und Tierfriedhöfen im Besonderen stößt die Autorin auf ein Feld, dem erst seit kürzerer Zeit – übrigens auch von soziologischer Seite – empirische Aufmerksamkeit gewidmet wird. Zu dieser Pionierarbeit leistet die Studie einen wichtigen Beitrag.

Auch erschienen in: Jahrbuch für Tod und Gesellschaft

 

Antje Kahl, Hubert Knoblauch und Tina Weber (Hrsg.) (2017): Transmortalität. Organspende, Tod und toter Körper in der heutigen Gesellschaft. Weinheim/Basel: Beltz-Juventa.

Die vorliegende Publikation betrachtet den veränderten Umgang mit dem toten Körper und nimmt in diesem Zusammenhang insbesondere die Organspende unter die Lupe. Von »Transmortalität« ist deshalb die Rede, weil die Verpflanzung eines Organs aus einem angeblich doch toten in einen lebendigen Körper die herkömmliche Vorstellung einer stringenten Trennlinie zwischen Leben und Nicht-Leben in Frage stellt: »Weil die postmortale Organtransplantation schon namentlich die Grenzen dessen überschreitet, was vor der entsprechenden Gesetzgebung als tot galt, stellen wir sie in den Mittelpunkt der Frage nach der Transmortalität«, so die Herausgeber.

Solche zunächst einmal epistemologischen Probleme sollten den Alltagsmenschen nicht kümmern. Und in der Tat, die Organspende genießt generell offenkundig einen guten Ruf – sie hat die Reputation, Leben zu retten, ja sie gibt einer Todeskatastrophe bisweilen nachträglich einen ›Sinn‹. Dennoch ist die Diskrepanz zwischen Anerkennung und tatsächlicher Spendebereitschaft sehr hoch. Die Zahl der faktischen Organspender ist gegenwärtig so niedrig wie zuletzt vor zwanzig Jahren.

Der Band von Kahl, Knoblauch und Weber diskutiert die Gründe für diesen vermeintlichen Widerspruch: Beispielsweise die Unwissenheit über den Hirntod bzw. die Ablehnung der damit verbundenen Konzeption; der Angst vor Missbrauch beim Organhandel; die Vorstellung, Ärzte würden angesichts eines Organspendeausweises nicht mehr genügend für die Lebenserhaltung tun; aber auch Motive wie die Störung der Totenruhe, und diverse andere Überlegungen spielen eine Rolle.

Wie auch immer man diese Haltungen im Einzelnen bewerten mag: Ambivalenz liegt der Organspende fraglos inne, schließlich ist der tote Körper hier eben nicht vollständig und irreduzibel ›tot‹, sonst wäre eine Übertragung spezifischer Organe nicht mehr möglich. Man müsste sich schon der Idee einer postmortalen ›Wiederbelebung‹ bedienen, um die Organspende anders zu erklären. Das wäre eine vielleicht nicht ›vernünftigere‹ Erklärung – aber auch nicht unbedingt eine weniger ›logische‹. Das Weiterleben im ›aufnehmenden‹ Körper jedenfalls verortet das Spenderorgan in einem ungeklärten Areal. Anders gesagt, die Organspende – oder eben Transmortalität – legt nahe, dass es »Phasen der Existenz von Personen gibt, die jenseits oder zwischen ihrem Leben und ihrem Tod liegen«, wie es in einem Beitrag heißt.

Geht es nun um Fragen der Substanz – oder lediglich um Definitionen? Der »Eindruck des Hybriden«, wie Petra Gehring schreibt, »verweist aufs ›Leben‹ zurück«; Zwischenzustände des Totseins sind schließlich schwerer vorstellbar, als Übergangsphänomene im Sterbezusammenhang. Die »prekäre[] ›Zwischenwelt‹«, von der wiederum Ronald Hitzlers Beitrag spricht, könnte aber auch ein Zuschreibungseffekt sein. Die altbekannte Trias Internalisierung/Objektivation/Externalisierung, also: die Verinnerlichung eines Wissensbestandes, die darauffolgende Bestätigung durch das Umfeld, und schließlich die Weitergabe dieses Wissens in der Annahme, dass es stimmen muss (Berger/Luckmann nennen dies 1966 die »gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit«), legte immer schon nahe, dass Realität eine Konsequenz gemeinsamer Anstrengungen ist, nicht eine Sache ›an sich‹. Gibt es also den Tod überhaupt jenseits der Beobachterposition? Oder das Leben?

Die zentrale Idee hinter dem Transmortalitätsgedanken ist nicht bahnbrechend neu. Die näheren Auseinandersetzungen, die die Herausgeber vor dem Hintergrund eines an der TU Berlin durchgeführten Forschungsprojektes versammeln, sind aber ohne Frage gewinnbringend. Sie treiben nicht nur das Nachdenken über die Möglichkeiten und Grenzen der Organspende, sondern auch der Transmortalitätsidee schlechthin an. (Im Laufe des Jahres werden weitere Ausflüge in diese thematischen Gefilde auf dem Buchmarkt erscheinen, diesmal aus Passau – das Thema ist en vogue.)

Ein Grund für die Infragestellung des nur scheinbar Selbstverständlichen mag darin liegen, dass der Tod einerseits in einer immer älteren, immer länger dem Sterbezustand verhafteten Gesellschaft notwendig ›durchschaut‹ sein muss, um überhaupt sinnhaft begreifbar zu sein. Andererseits geht mit dem Sinn die Hinterfragung der Sinnkonstruktion einher, und zwar umso stärker, je eindeutiger die Sache verstanden wurde.

 

 

Ulrich Volp (Hrsg.) (2016): Tod. Tübingen: Mohr Siebeck.

Das Thema Tod wird in der vorliegenden Neuerscheinung, deren Herausgabe Ulrich Volp besorgt hat, aus theologischer und ethischer Sicht behandelt. Ein zentraler Aspekt ist der – kulturhistorisch immer wieder thematisierte und umstrittene – Aspekt der Endlichkeitsaussicht, die den Menschen kennzeichnet: »So oder so kann das Leben und die Art, wie es zu gestalten ist, nicht unbeeinflusst bleiben von der eingehenden Betrachtung seiner Endlichkeit.« Angesichts dieser Gewissheit stellt sich die Frage nach stabilen, den sozialen Wandel unbeschadet überstehenden Leitlinien, die das (ja nun auch und gerade psychologische) Endlichkeitsschicksal zumindest mindern. Religiöse Angebote gibt es diesbezüglich reichlich, und in dieser Vielfalt liegt denn auch ein Problem: »In den biblischen und kirchengeschichtlichen Quellen begegnet uns ein außerordentlich vielfältiges und vielschichtiges Bild, und auch in der Gegenwart gibt es keinen Konsens über ›den‹ richtigen evangeliumsmäßigen Umgang mit dem Tod.«

Angebote hängen auch auf dem transzendentalen Markt mit der Nachfrage zusammen. Wenn säkulare Trauerfeiern »oft bis in kleinste Detail hinein« den konfessionellen Ritualen ähneln, wie der Herausgeber gleich zu Beginn des Sammelbandes betont, so wiegt eben doch der Unterschied schwerer – der dezidierte Wunsch der Hinterbliebenen nämlich, vielleicht auch der Verstorbenen zu Lebzeiten, das Ritual anders auszuflaggen. Gerade dies wiederum macht den christlichen Umgang mit dem Tod in buchstäblicher Weise fragwürdig – welche Bedeutung kommt ihm heute noch zu? Interessierten wird eine große Bandbreite detaillierter Betrachtungen geboten. Thematisiert werden u.a. biblische Aspekte von Sterben und Tod, altorientalische Konzepte, die antike Ars moriendi, die Idee des ewigen Lebens, Fragen der auf den Tod bezogenen theologischen Ethik und die zeitgenössische Bestattungskultur.

Gerade in den gegenwärtigen Zeiten, in denen Religion so weit von einer Hegemonialstellung als Naturerklärungsinstanz entfernt ist wie wohl noch nie zuvor, ist es reizvoll, sich im Kontext der Beiträge auf eine Reise durch die eben doch theologische Perspektive auf das Phänomen Tod (mitsamt Sterben, Trauer usw.) einzulassen. Denn hier werden Sichtweisen und durchaus auch Argumente dafür aufgeboten, weshalb das Lebensende sich schlechterdings nicht völlig säkular betrachten lässt. Streiten kann man darüber trefflich – aber zum Streiten braucht man brauchbares Gedankenfutter, und dies wird in Volps Sammelband geboten.

 

 

Julia Cornelia Olejnik (2016): ›Tote begraben und Trauernde trösten.‹ Haustiere in der Sepulkralkultur: Entwicklung und Bedeutung für die Tiermedizin. Göttingen: Cuvillier.

Das Miteinander von Mensch und Tier geht auf eine lange Kulturgeschichte zurück. Zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten haben sich unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Tieren unterschiedlich verhalten. Schon deshalb fällt es schwer, von ›der‹ Mensch-Tier-Beziehung zu sprechen, und schon deshalb lohnt ein genauerer analytischer Blick – den sich die interdisziplinär ausgerichteten Human-Animal Studies seit einigen Jahren zur Aufgabe gemacht haben.

An Problemstellungen für die Wissenschaft mangelt es jedenfalls nicht; entsprechend facettenreich fällt die Palette bisheriger Arbeiten aus, etwa zu den Themen Jagd, Schlachtung, Fleischkonsum, Massentierhaltung, Tiere in Literatur, Kunst und Forschung, Tierschutz, und vieles mehr. Man kommt dabei nicht umhin, auch ethische Fragen zu tangieren, das anthropozentrische Weltbild zu hinterfragen, und sich der (sozial hergestellten) Grenzziehung zwischen Mensch und Tier sowie den wirksamen Macht-, Herrschafts-, Gewalt- und Ausbeutungsstrukturen, die die Koexistenz von Menschen und Tieren prägen, theoretisch wie empirisch anzunähern. Die Vielfalt der zu bearbeitenden Felder zeigt sich nicht zuletzt anhand der Fülle an Publikationen, die aktuell zum Mensch-Tier-Kontext vorliegen bzw. entstehen. Das ist keinesfalls selbstverständlich, denn lange Zeit wurden Tiere als Kulturwesen und Bestandteil der sozialen Welt kaum ernst genommen und insbesondere von den Sozialwissenschaften weitgehend ignoriert.

Möchte man einen weiteren Schauplatz human-animalischer Verhältnisse herausgreifen, an dem sich zuletzt erstaunliche Veränderungen abgezeichnet haben, so fällt recht schnell der Relevanzzuwachs von Heimtieren ins Auge. Letztere bilden in der Alltagswelt vieler Besitzer einen unentbehrlichen Bestandteil; sie prägen deren Lebensstil und werden verstärkt als Sozialpartner wahrgenommen, die durchaus menschliche Eigenschaften, Kompetenzen und Rollen attestiert bekommen. Die Entstehung und Ausdifferenzierung eines beträchtlichen Marktes für Heimtierbedarf ist eine Folge dieser Entwicklung.

Welchen Stellenwert ihr animalischer Gefährten für viele Besitzer hat, wird vor allem dann offenkundig, wenn sein Leben endet. Nicht selten handelt es sich um ein höchst krisenhaftes Ereignis, das analog zum Tod eines geliebten Menschen spezifische Trauerreaktionen forciert. Diese kommen etwa in dem gewachsenen Bedürfnis nach einer ›würdevollen‹ Bestattung zum Ausdruck, die den eigenen Empfindungen gerecht wird und eine Alternative zu den erbarmungslosen Prozeduren der Tierkörperverwertung verspricht. Ein Resultat ist die Errichtung einer Vielzahl von Tierfriedhöfen in den vergangenen Jahren – eine Entwicklung, die übrigens im bemerkenswerten Kontrast zur gegenwärtigen Stagnation von Menschenfriedhöfen steht (deren ›Platzprobleme‹ sich inzwischen nicht mehr in einem Zuwenig, sondern einem Zuviel äußern). Zwar gibt es Tierfriedhöfe in Europa schon seit mehr als 100 Jahren, indes lässt sich einerseits ein sukzessiver Funktionswandel von eher pragmatischen hin zu emotionalen Motiven erkennen, zum anderen sind Nachfrage und Verbreitung so hoch wie nie zuvor. Sogar die gemeinsame Bestattung von Mensch und Tier, die bereits in prähistorischer Zeit praktiziert wurde (wenn auch aus ganz anderen Gründen), ist in Deutschland mittlerweile auf einigen Friedhöfen möglich, sofern bestimmte Auflagen eingehalten werden.

Aller Pluralisierungs- und Liberalisierungstendenzen zum Trotz, stoßen die Trauer um ein verstorbenes Heimtier und die sie begleitenden Rituale nicht überall auf Verständnis, sondern werden zum Ausgangspunkt von privaten oder öffentlichen Kontroversen. Kann/darf/muss man den Verlust eines Tieres mit dem Verlust eines Menschen vergleichen? Oder manifestiert sich die normative Grenzziehung zwischen der menschlichen und der tierischen Spezies nicht gerade in dem Umstand, dass Menschen nach geltender Rechtslage in jedem Fall bestattet werden müssen, Tiere hingegen lediglich bestattet werden können? Ist mit einem toten Menschenkörper (Leichnam) also per se anders umzugehen als mit einem toten Tierkörper (Kadaver)? Und wer soll letztlich über diese Fragen entscheiden?

Auch wenn sich nicht leugnen lässt, dass die Trauer um ein verstorbenes Heimtier als Gesellschaftsphänomen faktisch existiert, und sich die zeitgenössischen Ausdrucksformen stark an der ›humanistischen Sepulkralkultur‹ orientieren – der Besuch des einen oder anderen Tierfriedhofs genügt, um zu dieser Auffassung zu gelangen –, kann (noch?) nicht davon ausgegangen werden, dass sie einen legitimen Platz in der Gesellschaft gefunden hat. Neben den ›verwaisten‹ Besitzern bekommen das auch jene Akteure zu spüren, für die die Verwaltung des Heimtiertodes zum Berufsalltag gehört. Insbesondere Tierärzte erhalten dabei insofern eine Schlüsselrolle, als sie nicht nur die Gesundheit ihrer animalischen Patienten regulieren, sondern meist auch deren Lebensende begleiten – bzw. auf kontrollierten Wegen herbeiführen, indem sie sterbenden Tieren, denen ›nicht mehr anders zu helfen ist‹, eine letale Narkosedosis verabreichen). Ihre bislang noch weitgehend unerforschte Rolle als ›Sterbebegleiter‹ und die damit verbundene Konfrontation mit den Reaktionen der Halter wird die veterinärmedizinische Ausbildung nach gegenwärtigem Stand offenbar nicht gerecht. Daraus ergeben sich wiederum Unsicherheiten im angemessenen Umgang mit (bisweilen emotional überforderten und überfordernden) Tierbesitzern.

Die damit angesprochene Diskrepanz bildet die Ausgangslage der tiermedizinischen Dissertation von Julia Olejnik. Mit ihrer Arbeit möchte sie »die historische Entwicklung, die gegenwärtige Situation und die künftige Bedeutung des Themenkomplex ›Mensch-Tier-Tod-Trauer‹ für die Tiermedizin« dokumentieren. Dieses Versprechen löst die Autorin, so viel sei bereits verraten, ein. Im Vordergrund stehen die veränderte Relevanz des Heimtiertodes und die Konsequenzen für den Veterinärberuf: Was also können »Tierärztinnen und Tierärzte, neben dem Einsatz palliativ-medizinischer Maßnahmen und der schmerzfreien Tötung eines Tieres, in der Zeit ante und post mortem animalis für die Tierbesitzer in Form von Beratung zur Trauerbewältigung und Erinnerungskultur beitragen«? Auf dem Weg zur Beantwortung dieser Frage darf sich der Leser auf eine umfassende Aufarbeitung der animalischen Sepulkralkultur freuen – sowohl in ihren historischen Dimensionen (globale Geschichte der Tierbestattung seit der Steinzeit) als auch in ihren gegenwärtigen Ausprägungen (neueste Entwicklungen im Feld der Trauer um Heimtiere) und auch hinsichtlich ihrer Zukunftsperspektiven (Nachholbedarf der Forschung und Lehre – vor allem im deutschsprachigen Raum). Ferner werden einige Seitenblicke gewagt, z.B. auf das gesellschaftliche Verhältnis zum Tod allgemein, auf den Bedeutungswandel der Hundehaltung (vom »Luxushund« zum »Compagnion Animal«) oder auf die rechtliche Position von Tieren.

Mit dieser Publikation liegt eine detailreiche (größtenteils deskriptive) Zusammentragung des nationalen wie internationalen Forschungsstandes vor. Detaillierte Auseinandersetzungen mit bestehenden Theorien sollten nicht erwartet werden, dafür aber trumpft das Buch mit zahlreichen älteren und neueren empirischen Studien (überwiegend aus dem anglophonen Sprachraum) auf, deren Tradierbarkeit auf die derzeitige Situation in Deutschland natürlich zu überprüfen wäre. Die Verfasserin ergänzt ihre Ausführungen mit diverse Abbildungen (z.B. von historischen Knochenfunden und modernen Tiergrabmalen) und Tabellen (etwa eine Auflistung aller zurzeit bestehenden Tierfriedhöfe in Deutschland). Wer sich momentan wissenschaftlich mit Mensch-Tier-Verhältnissen im Allgemeinen und dem Heimtiertod im Besonderen befasst, findet in diesem Buch ohne Zweifel wertvolle Informationen. Diese in so akribischer Form recherchiert zu haben, ist ein Verdienst der Autorin. Wem zunächst ein grober Überblick genügt, der sei auf die kompakten Zusammenfassungen am Ende eines jeden Kapitels verwiesen.

Der weite Bogen, den das Buch von den kulturgeschichtlichen Anfängen bis hin zu praktischen Konsequenzen und Empfehlungen für die künftige Forschung und Lehre spannt, macht es für eine breite Leserschaft zugänglich. Studierenden der Veterinärmedizin und praktizierenden Tierärzten kann es ebenso empfohlen werden wie anderen Berufsvertretern, die durch ihre Mitwirkung und/oder Mitentscheidung an der Gegenwart und Zukunft des Heimtiertodes beteiligt sind (Trauerbegleiter, Bestatter, Friedhofsverwalter, Politiker etc.). Die Lektüre lohnt sich aber auch für alle anderen Interessierten, die mehr über die kulturellen Hintergründe des Umgangs mit dem Heimtiertod wissen möchten.

 

 

Frank Thieme (2016): Bestattung zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Eine soziologische Studie zum Wandel des Bestattungsverhaltens in Deutschland. Düsseldorf: Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes.

Dass sich mit der Gesellschaft auch die Bestattungs- und Trauerkultur verändert und dieser Wandel in jüngster Zeit neue Trends hervorgebracht hat, dürfte nicht nur von Experten der damit befassten Berufe diagnostiziert worden, sondern durchaus auch in das Bewusstsein vieler Menschen vorgedrungen sein, für die Sterben, Tod und Trauer nur temporäre lebensweltliche Brisanz haben.

Das vorliegende Buch spürt dieser Entwicklung nach, indem es sein Augenmerk auf die veränderten Mentalitäten und damit verbundene Wünsche von Bestattungskunden legt. Hierfür hat sein Verfasser Frank Thieme, der als Soziologe an der Ruhr-Universität Bochum tätig ist, in den Jahren 2012-2013 eine vom Kuratorium Deutsche Bestattungskultur e.V. finanzierte empirische Studie durchgeführt, mit dem Ziel, »den Wandel der gegenwärtigen Bestattungskultur in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang« zu bringen. Es wurden etwa 3.000 Bestattungsunternehmen via Fragebogen nach bestimmten soziodemografischen Merkmalen ihrer Kunden befragt, sowie nach deren Vorstellungen und Präferenzen in Sachen Trauerfeier, Bestattungskosten, Grabgestaltung etc. Ergänzend dazu wurden zehn telefonische Experteninterviews mit Bestattern durchgeführt. Anhand der gewonnenen Daten (und unter Hinzuziehung zweier weiterer externer Studien) untersucht der Autor, inwieweit verschiedene Variablen (etwa der Bildungsstand des Verstorbenen und die gewählte Beisetzungsart) miteinander korrelieren und inwiefern die daraus gewonnenen Erkenntnisse im Einklang mit bzw. im Widerspruch zu den kursierenden alltagsweltlichen Überzeugungen stehen. Der empirischen Bestandaufnahme wird u.a. ein historischer Abriss der Bestattung im christlichen Kulturraum vorangestellt, sowie einige Thesen zum Status quo der zentraleuropäischen Sepulkralkultur und den gesellschaftlichen Faktoren, die ihren Wandel begünstigt haben (z.B. Ökonomisierung, Pluralisierung, Säkularisierung).

Die Ergebnisse seiner Untersuchung breitet der Autor in diesem etwas mehr als 100 Seiten umfassenden Büchlein auf deskriptiv-quantitative Weise aus. Freunde von Zahlen, Häufigkeitsverteilungen, Balkendiagrammen und dergleichen, die in erster Linie an greifbaren Ergebnissen interessiert sind und sich nicht allzu lange mit dem forschungsleitenden Theorieverständnis, dem Begriffsinstrumentarium oder einer ausführlichen Explikation der gewählten Erhebungs- und Auswertungsmethoden aufhalten möchten, kommen hier voll auf ihre Kosten. Der Band wird dadurch leicht und zügig lesbar und mit seiner Kompaktheit bietet er insbesondere einer fachfremden, gleichwohl thematisch interessierten Leserschaft vielversprechende Eindrücke von den Kernentwicklungen der zeitgenössischen Bestattungskultur in Deutschland. Man erfährt beispielsweise etwas über die Hintergründe der zunehmenden Sozial- und Ordnungsamtbestattungen und die wachsende Nachfrage nach alternativen (friedhofsfernen) Beisetzungsformen, sowie über den Einfluss, den solche Kriterien wie Religion, Geografie, soziales Milieu, Beruf, Geschlecht, Bildungsgrad und Lebensalter auf die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Grabform haben.

Wer nach einer detaillierten Auseinandersetzung sucht, die über die deskriptive Ergebnispräsentation weit hinausreicht – etwa in Form einer kritischen Durchdringung und Operationalisierung vermeintlich selbstverständlicher Begriffe wie Privatisierung, Mediatisierung oder Individualisierung –, wird in diesem Buch allerdings nicht fündig. Auch hätte die eine oder andere Diskussion der an manchen Stellen angeführten Bestatterstatements, die ein wenig den Eindruck erwecken, ›letzte Wahrheiten‹ zu sein, nicht geschadet. Natürlich leuchtet es ein, in einem Buch über Bestattungskultur auch und gerade jene ›Wissensarbeiter‹ zu Wort kommen zu lassen, die aufgrund ihrer beruflichen Erfahrungen besonders ›nah dran‹ sind. Der Bemerkung des Autors: »Wer sollte diese Fragen begründeter beantworten können als die Mitglieder einer Profession, die die Versorgung der Toten und die Beratung der Angehörigen zu ihrer Berufspflicht gemacht hat?« könnte man indes entgegenhalten, dass sich auch Soziologen diesbezüglich nicht verstecken brauchen – wenngleich sich die soziologische Expertise von der des Bestatterberufs in einigen Punkten unterscheiden mag. Das ist jedoch kein Nachteil, sondern zeigt nur, dass die Begegnung von Wissenschaftlern und Praktikern trotz oder wegen differierender Perspektiven und Standpunkten durchaus auch wertvolle Synergieeffekte zeitigt.

Besondere Aufmerksamkeit verdient ferner die vom Verfasser vorgenommene Fallauswahl, da sie  – aller notwendigen Forschungspragmatik zum Trotz – hinsichtlich des Aussagegehaltes der späteren Ergebnisse nicht eben unproblematisch ist. Befragt wurden nämlich nur solche Unternehmen, die Mitglied im Bundesverband Deutscher Bestatter e.V. (BDB) sind. Auch wenn dies laut eigener Aussage auf circa 80% aller Bestattungsinstitute in Deutschland zutrifft, gilt es zu bedenken, dass der BDB über eigene Richtlinien und Werthaltungen etc. verfügt, die sich freilich nicht ohne weiteres generalisieren lassen (suspendiert werden beispielsweise sogenannte  ›Discountbestatter‹, deren nähere Betrachtung durchaus lohnenswert wäre). Eine andere Einschränkung, deren Nutzen sich dem Leser nicht so recht erschließt, besteht darin, dass die Studie bewusst »nicht die Gesamtheit der Bestattungskultur in Deutschland« in den Blick nimmt, sondern dass die untersuchten Bestattungen entweder »nach christlichem Ritus« erfolgten oder »weltanschaulich ungebunden« waren. Beisetzungen nicht-christlicher Religionen wurden folglich außer Acht gelassen, was gerade angesichts des starken Relevanzzuwachses von muslimischen Bestattungen in Deutschland auf großes Bedauern stößt. Der vom Autor selbst immer wieder betonten Pluralität und Heterogenität der zeitgenössischen Bestattungskultur tragen derartige Restriktionen jedenfalls nur bedingt Rechnung.

Abgesehen von den genannten Einschränkungen kann der Band dennoch weiter empfohlen werden – nicht unbedingt denjenigen, die sich dezidiert mit dem Verhältnis von Soziologie und Sterblichkeit auseinandersetzen wollen, umso mehr aber denjenigen, die sich (ohne es mit der Repräsentativität zu genau zu nehmen) einen kompakten Überblick über aktuelle Tendenzen erhoffen, sei es als Berufspraktiker oder als neugierige Laien.

 

 

Michael Schetsche/Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.) (2016): Rausch – Trance – Ekstase. Zur Kultur psychischer Ausnahmezustände. Bielefeld: Transcript.

Seit jeher und in allen Kulturen haben Menschen es verstanden, sich auf unterschiedlichen Wegen in rauschhafte Bewusstseinszustände zu versetzten. Rausch mitsamt seiner (un-)intendierten Folgeerscheinungen ist damit fester Bestandteil des sozialen Lebens. Wer sich im Rausch befindet, der verlässt für einen unbestimmten, aber begrenzten Zeitraum die gewohnten Bahnen seines Alltags. Was berauschend wirkt (eine Substanz, ein Gedanke, eine Berührung, ein Ritual oder etwas gänzlich anderes) und wie Rausch subjektiv erlebt bzw. kulturell gedeutet wird (z.B. als Lifestyle, Optimierung, Selbstreinigung, Heilung, Inspiration, Entspannung, Spiritualität, Besessenheit, Risiko, Irritation, Störung, Gefahr, Leichtsinn, Krankheit, Kriminalität, Stigma usf.), hängt von unterschiedlichen Aspekten ab.

Ob vorsätzliche Herbeiführung oder unerwartetes Widerfahrnis, ob legitimes oder illegitimes Lebensweltelement, ob singuläres Abenteuer oder regelmäßige Alltagsflucht, ob individuelle oder kollektive Erfahrung: Rausch lässt sich nicht losgelöst von normativen Ordnungen denken. Das gilt nicht zuletzt für die Moderne, die sich gemeinhin durch eine Zunahme von Selbstkontrolle und der Sanktionierung ihres Verlustes auszeichnet. Wer vom Rausch spricht, der verweist damit implizit auch auf die Vorstellung von Normalität und Moral, was zeigt, dass man es hier nicht lediglich mit einem körperlichen bzw. emotionalen Ausnahmezustand zu tun hat, sondern auch und vor allem mit einem Produkt gesellschaftlicher Transformation.

Die Frage, »wie Individuum und Gesellschaft zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Kontexten mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen – legitim wie illegitimen – umgegangen sind« und unter welchen Bedingungen solche Bewusstseinszustände akzeptiert und sanktioniert werden, wird in dem von Michael Schetsche und Renate Berenike Schmidt herausgegebenen Band Rausch. Trance. Extase spannungsreich ausgelotet. Ein flüchtiger Blick in dessen Inhaltsverzeichnis verrät: Während sich ein paar wenige Artikel explizit auch mit Trance und Ekstase befassen, dominieren die Auseinandersetzungen mit den Facetten des Rauschs.

So vielfältig das Phänomen anmutet, so umfangreich fallen die gesellschaftlichen Felder aus, in denen Rausch, aber übrigens auch Zustände der Trance oder der Ekstase relevant sein können: Kunst, Sport, Religion, Wirtschaft, Politik, Medizin, Psychologie, Recht, Massenmedien etc. Wie das Buch deutlich macht, nimmt sich seit geraumer Zeit auch die Wissenschaft des Rausches an und wirft dabei interessante Fragen auf. Aus jeweils unterschiedlicher Perspektive blicken die Beiträger auf diverse Rauschkontexte: z.B. Sexualrausch, Einsatz von Rauschmitteln in Kriegssituationen, Alkoholkonsum in der DDR, (inter-)nationale Drogenpolitik, sowie Rausch im Kontext von Musik, Tanz, Kunst oder Religion. Bei all dem wird auf beeindruckende Weise evident, dass Rausch weit mehr ist, als es medizinische Klassifikationsbemühungen erahnen lassen. Denn erst vor dem Hintergrund zeitgenössischer gesellschaftlicher Diskurse lässt er sich wirklich verstehen. Dem Leser entfaltet sich somit ein weites Panorama. Ferner erhält er Einblicke in historische (Rausch in der griechischen Antike) und interkulturelle (Rausch im Sufi-Islam) Zusammenhänge.

Auf Höhe des aktuellen (kultur-)wissenschaftlichen Standes gelingt dem Sammelband eine multiperspektivische Reflexion dieses umfassenden Feldes. Auf diese Weise bietet er eine anspruchsvolle und zugleich unterhaltsame Reise in die außeralltägliche Welt des außeralltäglichen Bewusstseinszustands. Wer sich dafür interessiert, dem sei diese Lektüre ausdrücklich empfohlen!

 

 

Reiner Sörries (2016): Stirbt der Friedhof? Über das Dahinsiechen traditioneller Begräbniskultur. Frankfurt am Main: Fachhochschulverlag.

Der Friedhof der Gegenwart – ein sterbender Patient? So sieht es jedenfalls Reiner Sörries, der ihm mit seinem neuesten Büchlein, so könnte man meinen, die letzte Ölung geben will.

Der Friedhof blickt auf eine jahrhundertealte Kulturgeschichte zurück. Er ist nicht bloß Körperaufbewahrungsstätte, sondern erfüllt weitere Aufgaben, darunter auch gewissermaßen soziale Funktionen. Weil sich die Gesellschaft im permanenten Wandel befindet, haben auch Friedhöfe immer wieder ihr Gesicht verändert. Wer sich für die Besonderheiten einer Kultur interessiert, findet im Friedhof folglich eine wertvolle Erkenntnisquelle.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnen sich nun aber besonders auffällige Veränderungen auf dem Friedhof (aber auch an anderen Schauplätzen der Sepulkralkultur) ab. Gräber geben mehr über die Lebenswelten der Verstorbenen preis – werden aber auch insgesamt kleiner, nicht zuletzt aufgrund des Siegeszuges der Feuerbestattung. In der Folge wird die ungenutzte Friedhofsfläche größer; Friedhöfe haben dadurch weniger Einnahmen; und die Konkurrenz durch kommerziell geführte Bestattungswälder außerhalb der Friedhofmauern steigt. Auch die Bestattungspflicht auf dem Friedhof ist seit längerem in der Debatte; sie wird früher oder später fallen. Unter ökonomischen Gesichtspunkten steht der Friedhof damit vor großen Herausforderungen; und vielleicht mehr denn je besteht die Notwendigkeit der Intervention durch Innovation.

Gewiss: Je nach Perspektive kann man die Situation des Friedhofs unterschiedlich bewerten und benennen. In dem vorliegenden Buch spricht Sörries von einem »Dahinsiechen«; der Friedhof sei ein Patient, dem letztlich kaum mehr zu helfen ist. Hinter dieser Metapher steckt der Wunsch, das Publikum teilhaben zu lassen an Ergründungen darüber, wie der Friedhof in diese bedrohte Lage gekommen ist und wer die Schuld dafür trägt. Das Durchdeklinieren wird von Sörries konsequent bildersprachlich betrieben: Schuld könnten Altersschwäche, Krankheit, Unfall, Klimaveränderungen, Unachtsamkeit etc. sein.

Der Tonfall ist stellenweise salopp, gleichzeitig auch moralisierend und bewertend. Sörries bedient sich diverser Simplifizierungen, Allgemeinplätze und Pauschalurteile, um seine Position klar zu machen. Das bringt einen durchaus leserfreundlichen Effekt mit sich: Laien, die etwas über die Entwicklung der deutschen Friedhöfe in den letzten 200 Jahren und über die sie verändernden aktuellen Erscheinungen erfahren möchten, haben eine kompakte und bisweilen unterhaltsame Lektüre vor sich.

Aber als wissenschaftliche Publikation ist das Buch schlichtweg nicht ernst zu nehmen, da es weder theoretische Perspektiven entfaltet, noch unter methodologisch kontrollierten Bedingungen mit validen Erkenntnissen aufwartet, noch die empirischen Erkenntnisse aktuell erschienener Studien mitreflektiert. Da hilft auch die spärliche Literaturübersicht im Anhang nicht weiter.

Dies alles räumt der Autor sogar selbst ein: »Das kleine Buch verzichtet bewusst auf einen wissenschaftlichen Apparat, wie sich das eigentlich für eine seriöse Studie gehört.« Der freiwillige Verzicht bringt es mit sich, dass Sörries im Wesentlichen auf die anekdotische Evidenz rekurriert, die er aus seiner Zeit (immerhin fast ein Vierteljahrhundert) als Leiter des Museums für Sepulkralkultur in Kassel gewonnen hat.

Die Leitung eines Museums ist eine Sache, die Auseinandersetzung mit dem – nun ja durchaus recherchierbaren – aktuellen Forschungsstand (zu dem eben nicht nur wirtschaftliche Facetten des Friedhofs gehören) eine andere. Hier lässt der schmale Band seine Leser im Stich. Unter diesen Vorzeichen liest er sich wie eine allenfalls feuilletonistisch anmutende Wortmeldung eines über das Wohl des Friedhofes überaus Besorgten, der obendrein um zahlreiche Seitenhiebe gegenüber Fachkollegen und Berufspraktikern aus der Bestattungsbranche nicht verlegen ist. Hier und da darf man den Text mit einem Augenzwinkern rezipieren. Viel Neues erfährt man aber so oder so nicht.

Da ethische Direktiven heute nur mehr sehr bedingt mehrheitsfähig sind, darf das Moralunternehmertum des Autors gerne als persönliche Wortmeldung stehen bleiben. So düster wie Sörries in der Sache allerdings die Zukunft des Friedhofs anvisiert (in zwei von ihm selbst entworfenen ›Todesanzeigen‹ gibt er ihm noch gut 10 Jahre), ist sie vermutlich nicht – zumindest dann nicht, wenn man die Perspektive ein wenig erweitert. Die Lage des Friedhofs hat sich zwar verändert; er hat sein Monopol verloren und ist nicht mehr der unumstrittene Ort der Trauer. Manch einer braucht ihn nicht und seine Reglementierungen machen ihn für viele unattraktiv. Aber aus all dem kann er lernen. Der Friedhof hat Potenzial, wenn er sich dem Zeitgeist anpasst, und hat dies in verschiedenen Städten durchaus schon unter Beweis gestellt. Die gesellschaftliche Pluralisierung und der Wunsch nach selbstbestimmter Trauer, um nur zwei Punkte zu nennen, müssen von flexiblen Friedhofsverwaltern aktiv aufgegriffen werden. Hinzu kommt: Trotz aller Alternativen, die fraglos zunehmen werden, wird es auch in Zukunft noch diejenigen geben, für die der Friedhof wichtig ist. Ohnehin bleibt abzuwarten, ob sich Konzepte wie Friedwald und Ruheforst langfristig behaupten können und inwiefern sie es schaffen, nicht am Widerspruch zwischen Innovationsgeist und der eigenen Normativität zerrieben zu werden. Zu bedenken ist ohnehin: In Ländern, in denen es keine Friedhofspflicht gibt, ist der Friedhof bislang auch noch nicht ausgestorben, sondern fungiert, soweit zu sehen ist, nach wie vor als zentrale Anlaufstelle für Bestattung, Trauer und Erinnerung.

Insgesamt bleibt Sörries‘ Position ambivalent und undurchsichtig. Er will, wie er schreibt, mit seinem Buch keine Rettungsvorschläge unterbreiten, da diese ohnehin zu spät kämen. Andererseits sei der Friedhof möglicherweise doch noch nicht ganz verloren und könne, welche Überraschung, sogar Selbstheilungskräfte entfalten. Wenn es also tatsächlich Aussicht auf Heilung gibt, bräuchte man dem Patienten doch nicht eine solch niederschmetternde Diagnose zu stellen. Selbst die titelgebende Frage, ob der Friedhof nun stirbt oder nicht, wird somit nicht wirklich beantwortet.

Wollte man dem Vorbild des Autors folgen und sich einer gewissen Polemik nicht verwehren, so kann man nach der Lektüre durchaus zu dem Schluss kommen, dass nicht der Friedhof ein Patient ist, sondern dieses Buch – und man möchte ihm angesichts der Länge der Krankenakte am liebsten gleich den Totenschein ausstellen.

Am Ende stellt sich die Frage: Sollte der Friedhof jemals sterben, wo wird er dann beigesetzt? Die Antwort kann nur lauten: Auf einem Friedhof! Aber soweit muss es ja nicht kommen. Denn Totgesagte leben bekanntlich länger.

 

 

Nina Jakoby/Michaela Thönnes (Hrsg.) (2017): Zur Soziologie des Sterbens. Aktuelle theoretische und empirische Beiträge. Wiesbaden: Springer VS.

Die in Zürich entstandene Publikation der Herausgeberinnen Nina Jakoby und Michaela Thönnes versteht sich als »Beitrag, die Soziologie des Sterbens im wissenschaftlichen Diskurs prominenter zu platzieren« – ein nachvollziehbares Anliegen, bedenkt man die vergleichsweise geringe sozialwissenschaftliche Aufmerksamkeit, die dem Sterben (als Körperpraxis) im Vergleich zum Tod (als Körperschicksal) entgegengebracht wird. Als prozesshaftes Phänomen gedacht, impliziert die Soziologie des Sterbens konsequenterweise auch »die Betrachtung von Verlust und Trauer der Nachwelt«, schließlich gibt es wenig Gründe, die individuelle Statuspassage Tod als Unterbrechung jener (fraglos sehr vielschichtigen) sozialpsychologischen Effekte zu verstehen, die sich bei Angehörigen im Kontext des Sterbens ihrer significant others ergeben und die sich nach deren Tod in spezifischen Trauer- und Gedenkaktivitäten niederschlagen. Mit den Worten der Herausgeberinnen: »Das Sterben und die Trauer der Nachwelt bilden soziale Phänomene, da sie den Verlust einer sinnhaften sozialen Beziehung anzeigen und zugleich in soziale Beziehungen eingebettet sind.«

Hier von einem ›Verlust‹ zu sprechen, ist indes mehr These als nüchterne Bilanz: Zeigen nicht Trauerhandlungen an, dass soziale Verbindungen durch den Tod eben nicht brachial, plötzlich und nachhaltig unterbrochen werden, sondern vielmehr langsam verebben? In der Trauer um einen verstorbenen Menschen aktualisiere ich dessen Präsenz nicht alleine durch Erinnerungsleistungen, die auf die Abgeschlossenheit der Beziehung (mehr oder minder deutlich) verweisen; ich kann ebenso gut trauern oder andere ritualisierte Handlungen ausführen, um die Verlustsemantik umzuinterpretieren. Nichts Anderes leisten religiöse Rituale, die den Tod nicht als Abschied, sondern als Mechanismus der Neuverortung von Seele oder Geist propagieren – inklusive der Option, manchmal sogar des Versprechens, dass ein Wiedersehen möglich ist. Nicht die Frage, ob derlei realistisch ist, ist soziologisch interessant, sondern die Tatsache, dass es weite Personenkreise gibt, die sich am Narrativ der Todesüberbrückbarkeit orientieren und darin eine Quelle der sinnhaften Verarztung des Trauerschmerzes entdecken können. In diesen Fällen steht Trauer nämlich für eine gänzlich andere Haltung zum Tod einer geliebten Person als dort, wo Sozialität unabdingbar an die lebendige Kopräsenz von Akteuren gekoppelt ist.

Dass Sterbeverläufe eine hohe Diversität aufweisen, versucht der Beitrag von Allan Kellehear über »Current social trends and challenges for the dying person« abzubilden. Kellehear listet dominierende gesellschaftliche Trends auf, die das Sterben beinflussen und verändern; zuletzt hält er fest, was in der Soziologie auch schon Talcott Parsons thematisiert hat: Die Gegenwart des Sterbens wirkt ›ziellos‹, insofern es gesellschaftlich nicht gelingt, eine positive oder wenigstens neutrale Bewertung des Sterbens und des Todes zu etablieren.

In weiteren Beiträgen ist zu erfahren, zu welchen Widersprüchen und kritischen Reflexionen die Tendenz zur »Sterbeoptimierung« gesellschaftlich führt (Nina Streeck) und welche Implikationen das Zuhause-Sterben im Kontext ambulanter Hospize aufweist (Stephanie Stadelbacher). Die unterschiedliche Lebenserwartung von Männern und Frauen wird im Hinblick auf soziale Ursachen beleuchtet, wobei sich die Mortalitätsrate als sozialer Konstruktionszusammenhang herausstellt (Corinna Onnen/Rita Stein-Redent). Aus der Feder von Jakoby und Thönnes stammt ein Beitrag zur symbolisch-interaktionistischen Komponente des Verhältnisses zwischen sterbenden Menschen und sie ›begleitenden‹ Tieren; diese seien durchaus als »relevante[] Rollenträger« zu begreifen, insbesondere vor dem Hintergrund der spezifisch komplexitätsreduzierten Interaktion zwischen Mensch und Tier, die im Sterbezusammenhang als Stabilisierungsfaktor dienen könne. Vor dem Hintergrund einer qualitativen Studie zu Fehl-und Totgeburten wird außerdem gezeigt, wie stark hier trotz, bzw. gerade wegen evidenter »Uneindeutigkeiten« ordnende und normierende Faktoren zusammenspielen (Julia Böcker). Ferner geht es um den Wandel des kollektiven Totengedenkens im Lichte der Transformation von »Trägermedien« und angesichts der Vision von sozialer Unsterblichkeit, wie sie etwa das Internet möglicherweise verheißt (Nils Meise).

Hervorzuheben ist der Beitrag von Rainer Schützeichel, der sich den »Sinnwelten des Trauerns« professionsanalytisch annähert. Vor dem Hintergrund einer pluralen, weil deutungsabhängigen Gewichtung des Trauerns wird das Berufsfeld der Trauerarbeiter fokussiert. Wer Trauerarbeit betreibt, ist einerseits ›nah dran‹ an einem lebensweltlichen Krisenherd und zugleich durch die professionalisierte Einbindung in diese Krise ›weit weg‹. Die Nachfrage nach Trauerarbeit legt nahe, dass das Angebot, den Trauerschmerz und seine Begleiterscheinungen sachlich zu bearbeiten, auf Anklang stößt; zugleich aber geht es offenkundig nicht darum, mithilfe einer empathischen Expertenkultur Abstand zum Ursprung der Trauer zu nehmen, wie Schützeichel betont: »Wie soll man sich möglichst aktiv mit der als Bedrohung empfundenen Trauer auseinandersetzen, wenn diese Trauer doch das einzige ist, was einen mit einem geliebten Menschen verbindet und diesen Menschen gleichsam am Leben hält? […] Dies ist der tiefe Widerspruch, an dem die Professionalisierung der Trauerarbeit ansetzt und […] aus der Trauerarbeit eine Trauerbegleitung werden lässt.« Ist die Trauer der anderen der Ausgang professionalisierten Handelns, sind spezifische Kommunikationsstrategien und normative Konzepte unabdingbar, was nicht ausschließt, sondern vielmehr bedingt, dass auch der explizite Verzicht auf Normativität zugunsten des Eingehens auf je spezifische Fallkonstellationen normative Züge annimmt.

In mehreren Texten spielt die Differenzierung des (vermeintlichen?) Gegensatzpaares ›gutes Sterben‹ und ›schlechtes Sterben‹ eine Rolle. Vielleicht ist es das zentrale Kennzeichen eines ›modernen‹ Sterbediskurses, dass das Lebensende überhaupt an ›Charakteristika‹ gewinnt: Nicht allein wer wann warum stirbt, sondern auch wie, markiert einen Reflexionszugewinn, auf den zu verzichten sich die Gesellschaft der Sterbenden wohl nicht mehr leisten wird – und deren Mitglied sind wir alle.

 

 

Weitere Besprechungen finden Sie hier:

Wenn der beste Freund geht. (Karin Bomke, 2015) Re­zen­siert von Matt­hias Meitz­ler

 

 

 

 

 

 

Ster­be­wel­ten. Eine Ethno­gra­phie. (Hg. von Mar­tin W. Schnell, Wer­ner Schnei­der und Ha­rald Kol­be, 2014) Re­zen­siert von Thorsten Benkel

 

 

 

 

 

 

Memo­rial­kul­tur im Fuß­ball­sport. Me­dien, Ri­tua­le und Prak­ti­ken des Er­in­nerns, Ge­den­kens und Ver­ges­sens. (Hg. von Mark­wart Her­zog, 2013)  Re­zen­siert von Matt­hias Matthias 

 

 

 

 

 

 

Who wants to live for­ever? Post­mo­der­ne For­men des Wei­ter­wir­kens nach dem Tod. (Hg. von Dominik Groß, Brigitte Tag und Christoph Schweikardt, 2011)  Re­zen­siert von Matt­hias Meitz­ler